Überfordert, nicht gleichgültig

Wie steht es um die Relevanz der Kultur? In der bz Basel haben sich zu Jahresbeginn drei Autoren an diese Frage heran gewagt und wichtige Missstände benannt. Meiner Meinung nach lagen sie aber nicht in allen Punkten richtig. Was hat 2020, das Jahr des erzwungenen Kulturveranstaltungslochs, bewirkt? Wie gehen wir mit dem Kulturschaffen künftig um?

In ihrer Analyse benennen die Autoren wichtige Schwachpunkte, welche durch die Pandemie zutage getreten sind: Es fehlten (und fehlen!) in der Krise die Mittel, um Kulturschaffende und Kulturbetriebe genügend zu unterstützen und wertzuschätzen. In der Politik geniesst die Kultur nicht genug hohe Priorität, dies notabene trotz hoher finanzieller Wertschöpfung der Branche. Das Kulturschaffen aus Hunderten von Jahren ist wichtiges und beständiges Gedächtnis und Voraussetzung für das elementare Funktionieren der Gesellschaft. Gerade deshalb würde es uns als reiches Land gut anstehen, wenn wir es schafften, der Kultur in der Krise besser gerecht zu werden als wir es tun.

Mit anderem bin ich im Artikel nicht einverstanden: Die Diskussion um die sogenannte Systemrelevanz wurde aus meiner Sicht differenzierter geführt, als es im Artikel dargestellt wird. Das Wegbrechen des Kulturangebotes wurde sehr wohl von vielen als schmerzlich oder gar schlimm empfunden. Der Gesellschaft wurde bewusst, wie gross die Lücke ist, wenn das Kulturangebot in seiner ganzen Breite plötzlich fehlt. Seine Relevanz für die Lebensqualität und die Gesundheit der Menschen wurde oft erwähnt. Dieses Bewusstsein zeigte sich in Basel-Stadt wohl nicht zuletzt auch im Abstimmungserfolg der «Trinkgeldinitiative». Dass der grosse Aufschrei ausblieb, als neue Restriktionen für Kulturveranstaltungen kamen, liegt aus meiner Sicht nicht daran, dass die Menschen gleichgültig waren. Nicht zuletzt konnte über einige Zeit zum Beispiel in den Museen noch Kultur konsumiert werden, deshalb war es nicht ganz so «leer» in der Kulturagenda. Und viele von uns waren und sind einfach bereit, aus Gründen der Solidarität die Kröte zu schlucken und temporär auf den «echten» Kulturkonsum zu verzichten, bis die Pandemie überstanden ist.

Was unser Land jedoch definitiv vermissen lässt, ist die adäquate Unterstützung der Kulturschaffenden und Kulturbetriebe in dieser ausserordentlichen Situation. Dies zeigt vor allem auf, wie hilflos und überfordert wir mit Branchen sind, die nicht telquel wie «die Marktwirtschaft» funktionieren. Und Kultur folgt eben genau einer anderen Logik. Die Autoren des Artikels machen es an der falschen Bescheidenheit der Akteurinnen und Akteure fest, dass die enorme Wertschöpfung der Branche nicht öfter betont wird. Ich glaube, dass diese Bescheidenheit nicht «falsch» ist, sondern dass Kulturschaffende ihren Antrieb aus dem Ausdruck und der Einordnung schöpfen – also aus ihrer Arbeit selbst. Und nicht daraus, was die «Wertschöpfung» davon ist. Deshalb arbeiten Kulturschaffende auch in normalen Zeiten unter prekären Bedingungen trotzdem weiter, suchen und finden Möglichkeiten die gesellschaftliche Entwicklung abzubilden und ihr den Spiegel vorzuhalten. Und darauf fehlt uns als Gesellschaft und politisches System offenbar die passende Antwort in einer Krise, wo die Überlebensgrundlage für jene entfällt, die diese Arbeit verrichten. Weil die Ausfälle sich nicht so einfach monetär ausrechnen und abwickeln lassen, wie bei Unternehmen, die mehr oder weniger konstante Jahresumsätze ausweisen. Weil es oft nicht um regelmässige Löhne und Einnahmen geht. Dass uns das so überfordert, daran müssen wir arbeiten und dafür müssen wir Lösungen finden. Denn – und auch da widerspreche ich den Autoren – der grosse Wert der Kultur zeigt sich nicht nur in ihrer Archiv- oder Erbe-Funktion, sondern in ihrer Bedeutung als unverzichtbarer Alltagsbestandteil einer auf Leistung fokussierten Gesellschaft. Und zwar ganz unabhängig davon, ob man in 500 Jahren noch von einem konkreten Auftritt oder Werk spricht oder nicht. Unsere Aufgabe ist es, jetzt dafür zu sorgen, dass es dieses Angebot in seiner Breite und Lebendigkeit nach der Pandemie noch gibt.