Eine Verkehrsberuhigung bringt mehr Lebensqualität und mehr Sicherheit. Ironischerweise spielen sich nun genau die Gegner der Verkehrsberuhigung als Interessenvertreter der schwächeren Verkehrsteilnehmenden auf – das ist widersprüchlich. Dabei biegt man sich auch gerne Statistiken zurecht.

Es braucht wirklich viel Fantasie im Umgang mit Zahlen, um die Basler Begegnungszonen für gefährlich zu erklären. Die Anzahl dieser Tempo 20-Zonen mit Fussgänger_innen-Vortritt hat in Basel im Zeitraum zwischen 2014 und 2017 um rund 50% zugenommen. Schon allein diese Tatsache relativiert den Anstieg von Unfällen „um 100%“ in Begegnungszonen: Wenn es so viel mehr mögliche Unfallorte dieser Kategorie gibt, nimmt die Anzahl logischerweise zu (analog ginge die Unfallzahl um 100% zurück, wenn man keine Strasse dieser Kategorie mehr hätte). Zudem lohnt sich ein Blick auf die effektiven Fallzahlen: 2017 gab es in Basler Begegnungszonen 15 Unfälle, 3 davon mit leicht verletzten Personen – davon 2 wegen „unvorsichtigen Öffnens der Wagentüre“, da waren also nicht die gefürchteten zu schnellen E-Bikes die Verursachenden. Nur bei einem einzigen der Unfälle wurde eine zu Fuss gehende Person leicht verletzt. Bei den übrigen 12 registrierten Unfällen gab es glücklicherweise nur Sachschaden, die meisten sind Parkierungsunfälle. Verkehrsberuhigte Zonen für gefährlich zu erklären, entbehrt also jeder Grundlage.

Keine Unfälle in der Rittergasse
Erwiesenermassen sind Strassen, in denen die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen den schnellsten und den langsamsten Verkehrsteilnehmenden möglichst gering ist, sicherer. In einer Tempo 20-Zone sind die Bremswege kürzer, die Fahrzeuglenkerinnen und –lenker sind aufmerksamer unterwegs, weil die Fussgängerinnen und Fussgänger Vortritt haben. Übrigens: In der Rittergasse wurde seit der Umgestaltung kein einziger Unfall (0!) registriert.

Das Einrichten von Begegnungszonen ist Ausdruck davon, dass die Menschen, die dort leben, im Mittelpunkt stehen. Die Lebensqualität steigt durch die Lärmreduktion, durch den ermöglichten Raumgewinn und durch die Temporeduktion. Früher fokussierte man sich auf die Interessen der Fuhrwerke, später der Autos – die Fussgängerinnen und Fussgänger wurden an den Rand gedrängt. Heute sind wir da zum Glück an einem anderen Punkt! Für die Strassen in der Innenstadt wurde ein Gestaltungskonzept erarbeitet, das dem Langsamverkehr dient. Das macht auch Sinn: Hier sind die Wege kurz, hier geht es in erster Linie um „Aufenthalt“ – und nicht zuletzt können so unsere auswärtigen Gäste gemütlich spazierend die Stadt erkunden.

Deutliche Vorteile
Die St. Alban-Vorstadt verbindet Münsterplatz-Rittergasse-Kunstmuseum mit dem St. Alban-Tor und weiteren Basler Sehenswürdigkeiten (Museum für Gegenwartskunst, Papiermühle, St. Alban-Rheinweg). Die Strasse ist gesäumt von schönen, historischen Bauten und beherbergt eine Vielzahl spannender Lädeli. Mit der heutigen Gestaltung stellt diese Strasse ihr Licht unter den Scheffel und lädt nicht zum Flanieren ein. Auf den viel zu schmalen Trottoirs im Abschnitt ab dem Schöneckbrunnen kann man heute nicht einmal in Ruhe die schmucken Schaufenster anschauen, geschweige denn gemütlich zu zweit nebeneinander gehen. Für Menschen im Rollstuhl ist die eine Trottoirseite mit Breiten von teilweise knapp 60 Zentimetern nicht benutzbar, und auch auf der gegenüberliegenden Strassenseite treffen sie auf kaum passierbare Engpässe. Eine direkte Querung der Strasse ist für sie nur an zwei Stellen überhaupt möglich. Die neue Gestaltung mit der Einebnung der Strassenfläche und dem Fussgängervortritt schafft deutliche Vorteile für die Menschen, die zu Fuss, mit dem Kinderwagen oder dem Rollstuhl unterwegs sind.

Replik auf den Artikel „Mehr Unfälle, weniger Trottoirs“ in der BaZ vom 4. Januar 2019