Zweimal das gleiche Muster: Eine Person äussert sich kritisch zu einer wenig hinterfragten populären Sache, daraus folgen zwei Kommunikationsschlachten mit Geschütz, das weit unter die Gürtellinie zielt. Ein Armutszeugnis für unsere Zeit. Schonungsloses Zeichen für unsere Unfähigkeit zur unaufgeregten Selbstreflexion.

Es ist so eine typische Situation, in der  ich mir sagte: Ich äussere mich nicht. Ich poste nichts. Ich halte mich raus. Aber ich halte es nicht aus. Ich ertrage schlecht, dass sich so viele Menschen zu emotionalen Urteilen hinreissen lassen, ohne wirklich über die Sache zu reden. Es wird mir anders, wenn ich lese, dass hunderte Menschen im Namen «der Fasnacht» demonstrieren, um ein «Neger-Logo» zu verteidigen. Und es wir mir schlecht, wenn ich die «Karikatur» sehe, die die Schaffhauser Nachrichten offenbar zur Sexismus-Bemerkung der JUSO-Präsidentin veröffentlicht haben. Geht’s eigentlich noch!?

„Karikatur“ in den Schaffhauser Nachrichten

Fall 1:
Ich mag die Musik von Lo & Leduc und das sprachliche Geschick der beiden. 079 ist jetzt nicht ein riesen Highlight, aber ein eingängiges Lied mit Charme – ein typischer Hit. Dies in aller Kürze meine Meinung zum ersten Corpus Delicti.

Tamara Funiciello kenne ich nicht persönlich. Ihr Kommunikations-Stil ist nicht meiner. Wir teilen die wesentlichen Grundwerte, politisieren für die gleichen Ziele – aber ich glaube nicht, dass wir enge Freundinnen würden. Müssen wir ja auch nicht. Dennoch habe ich mich einseitig brutal verschwesterlicht mit ihr in den letzten Tagen. Weil mir ab dem ersten schreierischen «079 soll sexistisch sein – wie lächerlich ist das denn!?»-Artikel klar war, dass dies nie und nimmer die Hauptaussage der JUSO-Präsidentin an der Solidaritätskundgebung gegen Gewalt an Frauen gewesen sein konnte. Ich überflog ein paar Artikel – und schnell war klar, dass es nur ein Nebensatz war. Beispielhaft sollte aufgezeigt werden, wie die Gewalt-Pyramide funktioniert – und dass sie meist eben genau bei etwas so Harmlosem wie einem ignorierten Nein bei ersten Avancen beginnt. Wenn der Typ einfach trotzdem weitermacht. Der Beginn eines späteren möglichen Verbrechens liegt also bei etwas, das wir alle als Unproblematisch empfinden. Ja gar als «romantisch» vielleicht, als «rührend»… whatever.

Mit dem Aufzeigen dieses Musters macht Funiciello Lo & Leduc nicht zu Obermachos, den Song nicht zum Verbrechen – sondern sie zeigt einzig auf, wie das Ungeheuer ganz unverdächtig, rundum akzeptiert und unerkannt wachsen kann in unserer Mitte – bejubelt vielleicht sogar. Und definitiv nicht hinterfragt.
Das ist der Denkanstoss, den ich mitnehme aus dieser Geschichte. Ohne mich aufzuregen, ohne den Song deswegen nun Schrott zu finden.
Dass die Reaktionen so überbordeten, das Niveau so ins Bodenlose sank, zeigt wohl einfach, dass ein wunder Punkt berührt wurde.

Was aus meiner Sicht falsch lief bei dieser ersten Geschichte:

  • Aus einer (offenbar 7minütigen) Rede einen Nebensatz herausstreichen und skandalisieren.
  • Reagieren mit Drohungen, wüsten Beschimpfungen, Hetzkampagnen gegen eine Person, die einfach ein Muster aufzeigt.
  • Gegenreaktion mit #MenAreTrash-Schlachtruf. Auch das wird der Sache sowas von nicht gerecht.

Fall 2:

Das beanstandete LogoEs meldet sich jemand, der sich vom Logo der Gugge «Negro Rhygass» verletzt fühlt. Das Logo zeigt einen dunkelhäutigen Menschen, wie man ihn zu Kolonialzeiten dargestellt hat. (Der Chefredaktor der bz, David Sieber, sieht Selbstgerechtigkeit darin, wenn man so ein Logo heute nicht mehr zu dulden bereit ist: «Es gibt kein Abwägen mehr, keinen Kontext, kein Herleiten. Nur die heutige Sicht zählt. Die Selbstgerechtigkeit, die so entsteht, ist unerträglich.» Aber ist das wirklich so? Ich frage: Wie kann es ein Verein übersehen haben, dass man sich mit einem Logo schmückt, dass schlicht und einfach NICHT GEHT. Egal wie alt die Gugge ist. So ein Logo geht nicht. Abgesehen davon gehe ich mit David Sieber einig, dass die entstandene Diskussion der Sache nicht dient. Der PrimeNews-Chef (Christian Keller) fürchtet wiederum sogar die Gesinnungspolizei, bleibt dabei aber zum Glück nicht unwidersprochen (Oliver Sterchi).)

Ich weiss nicht, wie der – ganz offensichtlich intelligente und besonnene – Student seine Rückmeldung an die Gugge formuliert hatte. Sein Interview in der Tageswoche legt nahe, dass er differenziert zu urteilen vermag. Wie kommt es aber dann, dass daraus aus ein dermassen wüster verbaler Tumult wird? Wie kommt es, dass ein – rassistisches – Gugge-Emblem zum Inbegriff der Fasnacht heraufbeschworen wird, deren Geist dadurch bedroht wird, dass sich jemand daran stört? Das ist doch nicht normal! Ebenso wenig wie der ertönte pauschale Rassismus-Vorwurf an alle Fasnächtlerinnen und Fasnächtler. Dass die ganze Geschichte dann noch gekrönt wurde von einem «Umzug», an dem unbehelligt Menschen mit offensichtlich rechts-extremem Gedankengut mitspazieren durften, das macht mich traurig. Und wie kann es sein, dass es „uns“ nicht möglich ist, zu verstehen, dass sowohl Name und Logo schlicht verletzend sein können? Wo bleibt die Empathie unserer aufgeklärten Gesellschaft?

Gemeinsam mit der 079-Geschichte ist dieser Story, dass es auch hier ganz offensichtlich (zu) vielen nicht möglich war, sich einfach mal ganz ruhig zu fragen, ob das «Negro Rhygass»-Logo und auch der Name an sich eigentlich wirklich ok sind. Es ist ja wirklich so, dass man Dinge, an die man «seit Jahr und Tag» gewöhnt ist, nicht mehr hinterfragt. Wenn dann ein Anstoss kommt, dies vielleicht doch mal zu tun, wäre es gewinnbringender, man täte dies – besonnen, ganz für sich im stillen Kämmerlein und vor allem bevor man wie ein verwundeter Hund drauf los bellt und um sich beisst und eine ganze Tradition (UNESCO-Welterbe!) in Gefahr fabuliert, nur weil jemand das Kind beim Namen genannt hat.

Was aus meiner Sicht falsch lief bei dieser zweiten Geschichte:

  • Skandalisierung und Verallgemeinerung einer konkreten Einzel-Kritik, dadurch Verbrüderung und Verteidigung der «Tradition», inhaltlich weit weg von der eigentlichen Kritik.
  • Pauschalisierende Verunglimpfung der Menschen «hinter dem Logo» (und aller FasnächtlerInnen).
  • Ein Solidaritätsmarsch, der eine politische Demonstration war, diese Verantwortung aber nicht wahrnahm und rechts-extreme MitläuferInnen duldete.

Dies meine Einordnung. Nicht aus der Betroffenheit heraus, nicht aus Verletzung. Sondern einfach aus der Aufwühlung heraus – und weil ich Kopf schüttelnd nicht gut einschlafen kann.